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Biscriptality in Slavic and non-Slavic languages

A sociolinguistic typology

Habilitationsschrift, am 15. September 2011 bei der Philosophischen Fakultät der Universität Tübingen eingereicht, am 1. Februar 2012 als schriftliche Habilitationsleistung angenommen (Habilitationsvortrag am 9. Mai 2012)

Abstract

Serben schreiben ihre Sprache bald kyrillisch, bald lateinisch, scheinbar ohne Regel, wann welche Schrift zu verwenden ist. Die alten Ägypter benutzten in ihrer Spätzeit für monumentale Inschriften Hieroglyphen, auf Papyrus aber Hieratisch für religiöse und Demotisch für weltliche Texte. Am Beginn des 20. Jahrhunderts konnten viele weißrussische Katholiken ihre Sprache nur in lateinischen Buchstaben lesen und schreiben, viele orthodoxe Weißrussen hingegen nur in kyrillischen. Die chinesische Sprache Xiangnan Tuhua wurde bis ins 20. Jahrhundert von Frauen in einer eigenen Schrift geschrieben, die Männer nicht lesen konnten. Im 18. Jahrhundert wurde das Russische in weltlichen Texten mit der von Peter dem Großen eingeführten ›bürgerlichen‹ Variante der kyrillischen Schrift geschrieben, in religiösen Texten aber weiterhin in der altkyrillischen Schriftvariante. Im Okzitanischen konkurrieren zwei Orthographien um die Vorherrschaft, die mit verschiedenen sprachpolitischen Einstellungen verknüpft sind. Im mittelalterlichen Novgorod benutzte man auf Birkenrinde eine andere Orthographie als auf Pergament. Das Deutsche wurde von 1749 bis 1941 teils in Fraktur, teils in Antiqua geschrieben. Im Tschechischen galt die in der Mitte des 16. Jahrhunderts eingeführte Rechtschreibung zwei Jahrhunderte lang de facto nur für öffentliche Texte, während im nichtöffentlichen Bereich weiterhin eine ältere Orthographie gepflegt wurde. Im mittelalterlichen Skandinavien wurde nach der Christianisierung das lateinische Alphabet nur für Texte ›für die Ewigkeit‹ benutzt, während Alltagstexte weiterhin in Runen mit dem Messer in Holz geritzt wurden. Im heutigen Weißrussischen gibt es neben der offiziellen Rechtschreibung auch eine ›oppositionelle‹ Orthographie.

Diese und über hundert weitere Sprachsituationen, in denen eine Sprache gleichzeitig auf mehrere Weisen geschrieben wird, werden in dieser Arbeit besprochen. Bisher waren meist nur einzelne Fälle von Zweischriftigkeit beschrieben worden, wobei häufig ad hoc Beschreibungsmodelle und Terminologien entwickelt wurden. So ist dieses Phänomen unter anderem mit Ausdrücken wie Digraphie, Bigraphismus, Zweischriftigkeit, orthographische Diglossie, Biskriptalismus oder Multialphabetismus beschrieben worden. Dabei ist allein das Wort Digraphie sechsmal unabhängig voneinander ›erfunden‹ und jedesmal mit unterschiedlichen Definitionen belegt worden. Hingegen wurde bisher versäumt, grundlegendste soziolinguistische Methoden auf Zweischriftigkeit anzuwenden. Diese Vernachlässigung der Zweischriftigkeit (etwa im Vergleich zu den Fortschritten in der Erforschung der Zweisprachigkeit) ist wohl auch auf die seit Saussure verbreitete Geringschätzung der Schrift als ›sekundäre‹ Transkription der primär gesprochenen Sprache zurückzuführen. Für moderne Gesellschaften spielt jedoch die geschriebene Sprache eine ungleich größere Rolle als die gesprochene, weshalb sie gerade für die Soziolinguistik ein zentrales Betätigungsfeld sein sollte.

Um erklären zu können, unter welchen soziokulturellen Bedingungen Zweischriftigkeit entsteht, wird in dieser Arbeit ein typologisches Modell entwickelt, das einige fundamentale soziolinguistische Unterscheidungen in die Schriftsoziolinguistik überträgt. Insbesondere handelt es sich dabei um die Konzepte der Diglossie, des Bilinguismus und der plurizentrischen Sprachen, die mit den von Coseriu zusammengeführten Dimensionen sprachlicher Variation in Einklang gebracht werden können. Dementsprechend ist bei Zweischriftigkeit zu differenzieren zwischen Digraphie, wenn die Variation zwischen den Schriften diaphasischer, diastratischer, diamesischer oder medialer Art ist (wobei ›vertikal‹ eine hohe und eine niedrige Schrift unterscheidbar sind), Bigraphismus, wenn die Wahl der Schrift diasituativ (also relativ ›frei‹) erfolgt, und Schrift-Plurizentrismus, wenn die Schriften diatopisch, ethnisch oder konfessionell verteilt sind (also ›horizontal‹ nebeneinander stehen). Hinzu kommt eine graphematische Unterscheidung der Systemebene: An den Oppositionen können Schriften (wie das kyrillische und das lateinische Alphabet), Schriftvarianten (wie Fraktur und Antiqua als Varianten des lateinischen Alphabets) oder Orthographien beteiligt sein. Aus einer Kombination dieser Unterscheidungen ergibt sich ein Schema von 3 × 3 Typen von Zweischriftigkeit (außer den drei genannten noch Diglyphie, Biglyphismus und glyphischer Plurizentrismus sowie Diorthographie, Biorthographismus und orthographischer Plurizentrismus).

Wie sich gezeigt hat, sind alle diese neun Typen nicht nur theoretisch denkbar, sondern auch empirisch belegt, und die in einer der neun Kategorien zusammengefassten Sprachsituationen weisen jeweils aussagekräftige Gemeinsamkeiten auf und unterscheiden sich in nichttrivialer Weise von den Situationen in den anderen Kategorien. Ihren verschiedenen Entstehungsbedingungen entsprechend sind die einzelnen Typen unterschiedlich häufig belegt. Die bei weitem verbreitetste Art der Schriftvariation ist der (diatopische oder konfessionelle) Plurizentrismus, während rein diasituative, ›freie‹ Verteilungen ohne ›vertikale‹ Aufgabenteilung am seltensten sind. Von den drei graphematischen Systemebenen ist in den meisten Fällen die der Schrift betroffen, während Orthographien deshalb seltener Gegenstand zweischriftiger Sprachsituationen sind, weil sie einen recht hohen Grad an sprachlicher Normierung voraussetzen. Glyphische Schriftvarianten sind zwar stets semiotisch aufgeladen und werden oft textintern funktionalisiert, erlangen aber nur relativ selten soziolinguistische Relevanz für das Thema dieser Arbeit.

Einen besonders fruchtbaren Boden für die Untersuchung von Zweischriftigkeit bieten die slavischen Sprachen, die in dieser Arbeit vorrangig behandelt werden. Es gibt kaum eine slavische Sprache, die im Laufe ihrer Geschichte nicht irgendwann einmal auf die eine oder andere Art zweischriftig gewesen wäre, und slavische Sprachen sind in allen neun Kategorien des typologischen Modells vertreten – was vermutlich für kaum eine andere Sprachfamilie zutrifft. Zum einen liegt das sicherlich daran, dass slavische Texte in sechs verschiedenen Schriften geschrieben worden sind (in der glagolitischen, kyrillischen, lateinischen, arabischen, griechischen und hebräischen). Vor allem aber lassen sich die meisten Beispiele slavischer Zweischriftigkeit als verschiedene Ergebnisse konkurrierender Einflüsse von West und Ost erklären. Am offensichtlichsten ist dies in all jenen Fällen, in denen im Grenzgebiet zwischen Slavia Latina und Slavia Orthodoxa die lateinische und kyrillische Schrift nebeneinander benutzt werden. So hat diese Schriftkonkurrenz im serbokroatischen Sprachgebiet über fünf Jahrhunderte hinweg, in denen das lateinische Alphabet immer weiter nach Osten vorrückte, diverse zweischriftige Situationen hervorgebracht. Im ruthenischen und später weißrussischen und ukrainischen Gebiet wird der westliche Einfluss auf die Schrift gestoppt und letztlich sogar umgekehrt, indem in diesen Tagen die ›russifizierte‹ Narkomaŭka-Rechtschreibung des Weißrussischen die ›polonisierte‹ Taraškevica verdrängt. Ost-West-Bewegungen können auch im Russischen beobachtet werden. Im 14. und 15. Jahrhundert setzt sich noch die ›östliche‹ Orthographie Moskaus gegen die ›westliche‹ Rechtschreibung der Birkenrindenbriefe des Hansekontors Novgorod durch, aber seit dem 18. Jahrhundert ist der westliche Einfluss stärker: Peter der Große hat die kyrillische Schrift der lateinischen graphisch angepasst und damit die altkyrillische Schriftvariante, die zuvor ein gemeinsames Merkmal der gesamten Slavia Orthodoxa gewesen war, auf Kirchendrucke beschränkt. Seitdem ist ein ›griechischer‹ Buchstabe des kyrillischen Alphabets nach dem anderen außer Gebrauch gekommen, bis schließlich die noch übrigen in der Rechtschreibreform von 1917 abgeschafft wurden. Jedoch ist diese Bewegung zum Stehen gekommen, als 1930 ein Versuch, das Russische auf das lateinische Alphabet umzustellen, fehlschlug. Eine ironische Wendung dieser Geschichte ist die Tatsache, dass die vorrevolutionäre Orthographie, die in einer indexikalischen Verbindung zum ›östlichen‹ Zarentum stand, am längsten im westeuropäischen und amerikanischen Exil überlebte.

In einigen Fällen berührt die Analyse zweischriftiger Phasen in der Geschichte slavischer Sprachen für die jeweilige Sprachgemeinschaft wunde Punkte, da Zweischriftigkeit nicht in die heute übliche homogenisierte nationale Interpretation der Sprachgeschichte passt. Dazu gehört etwa die Tatsache, dass die bosnischen Muslime im 19. Jahrhundert die kyrillische Schrift bevorzugten – und zwar nicht nur die Bosančica, sondern auch die heute als ›serbisch‹ empfundene bürgerliche Druckschrift – oder dass zur weißrussischen Sprachgeschichte nicht nur das orthodoxe Erbe der Kiewer Rus’, sondern auch die lateinische Schrift gehören. Die soziolinguistische Analyse von Zweischriftigkeit stellt solche stromlinienförmigen Geschichtsinterpretationen in Frage, indem sie auf widersprüchliche Einflüsse und Hybriditäten als Teil des sprachlichen Erbes hinweist.

Mit der Erstellung eines Modells für eine soziolinguistische Typologie von Zweischriftigkeit betritt die vorliegende Arbeit Neuland. Damit verknüpft sich die Hoffnung, dass dies zu einer verstärkten Wahrnehmung dieses beileibe nicht marginalen Phänomens und zu angeregten wissenschaftlichen Diskussionen über die Verbesserung des vorgelegten Beschreibungsmodells führt. Am Ende solcher Diskussionen könnte dann eines Tages die Erkenntnis stehen, dass Einschriftigkeit heilbar ist.

Druckfassung

Auf der Basis der Habilitationsschrift und einer Konferenz in Heidelberg ist 2016 eine kollektive Monographie erschienen, an der zehn weitere AutorInnen beteiligt sind.